Die Energiewende wartet nicht auf die Politik. Sie passiert gerade – auf Dächern, in Kellern, in Einfahrten. Bastian Gierull, CEO Germany von Octopus Energy, ist überzeugt: Dezentrale Energieversorgung ist kein Zukunftsszenario, sondern läuft bereits. Was fehlt, sind nicht die Ideen oder die Technologie – sondern die digitale Infrastruktur, die das alles zusammenbringt. Im IMPACT ENERGY loading... Podcast spricht er über Smart Meter, Flexibilisierung, Fan Clubs für Windkraftanlagen und warum er trotz träger Regulatorik extrem optimistisch ist.
Das eigentliche Problem ist nicht das Netz
Was möglich ist, wenn Smart Meter Standard sind
Der Fan Club: Wie Octopus Windkraft beliebt macht
Schnell scheitern als Strategie: Das Octopus-Mindset
Die Energiewende ist ein iPhone-Moment
Das eigentliche Problem ist nicht das Netz
Wenn über Bremsen der Energiewende gesprochen wird, fällt fast immer ein Wort: Netzausbau. Bastian Gierull sieht das anders. Ja, die physikalische Infrastruktur muss wachsen. Aber das ist nicht der entscheidende Engpass. Das eigentliche Problem ist Digitalisierung – oder genauer: ihr Fehlen.
Deutschland hinkt beim Smart Meter Rollout europäisch weit hinterher. Während Nachbarländer in nahezu jedem Haushalt bereits einen intelligenten Zähler verbaut haben, der alle 15 Minuten Verbrauchsdaten übermittelt, liegt die Quote hierzulande bei etwa zwei Prozent. Das klingt nach einem technischen Detail, ist aber das Fundament für Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Energiemarkt. Wer nicht weiß, wann wie viel Strom wo im Netz gebraucht wird, kann nichts flexibilisieren.
Gierull beschreibt das Potenzial konkret: Eine Studie der New Energy Alliance, an der Octopus Energy beteiligt war, beziffert die Einsparungen durch mehr Dezentralität und Flexibilität bis 2045 auf 255 Milliarden Euro. Allein 1,4 Milliarden davon würden jährlich an Netzinvestitionen entfallen.
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Was möglich ist, wenn Smart Meter Standard sind
Octopus Energy hat in Großbritannien gezeigt, wie dezentrale Energieversorgung in der Praxis aussieht. Mit dem Format „Saving Sessions“ schreibt Octopus bis zu 1,5 Millionen Kund*innen per App oder WhatsApp an, wenn das Netz in einem bestimmten Zeitfenster unter Druck gerät: Wer in diesen Stunden seinen Verbrauch drosselt, bekommt Geld. Das Ergebnis: In einem einzigen Zeitfenster lassen sich bis zu 200 Megawatt verschieben – entspricht dem Output eines mittleren Gaskraftwerks, das dann nicht angefahren werden muss.
Das funktioniert, weil jeder Haushalt einen Smart Meter hat. Ohne diese Datenbasis bleibt es bei Appellen.
Gierull sieht darin keine Sackgasse, sondern einen klaren Auftrag: Smart Meter müssen für jeden Anschluss kommen, nicht nur für Haushalte mit Wärmepumpe oder Elektroauto.
„Jedes Einzelheim, jede Wohnung, jeder der einen Stromanschluss hat, hat Flexibilitätspotenzial – und kann von der Energiewende profitieren.“ – Bastian Gierull
Der Fan Club: Wie Octopus Windkraft beliebt macht
Eines der eindrücklichsten Beispiele aus dem Gespräch ist das Produkt „Fan Club“ – ein Tarif, der Haushalte in der Nähe eines Windrades direkt mit diesem verbindet. Dreht sich die Anlage, sinkt der Strompreis für alle Teilnehmenden automatisch – bei Vollast bis zu 50 Prozent Ersparnis. Wer ein Elektroauto hat, lädt. Wer einen Speicher hat, füllt ihn. Gutes Produktdesign beginnt damit, die Customer Journey der Kund*innen wirklich zu verstehen.
Das Ergebnis überrascht: Die Akzeptanz von Windkraftanlagen in den betroffenen Regionen steigt in Umfragen auf 70 bis 80 Prozent. Die Beschwerden kommen plötzlich aus den Nachbargemeinden – weil die auch günstigeren Windstrom wollen.
Gierull nennt das kein Zufall, sondern angewandte Psychologie und gutes Marketing. Menschen verhalten sich flexibel, wenn der Anreiz stimmt, genauso wie beim reduzierten Produkt im Supermarkt.
Schnell scheitern als Strategie: Das Octopus-Mindset
Was Octopus Energy von vielen Marktteilnehmern unterscheidet, ist laut Gierull nicht primär Technologie – es ist Haltung. Während andere Unternehmen White Papers schreiben und Forderungskataloge an die Politik schicken, fragt sich Octopus: Was können wir mit dem, was heute möglich ist, sofort starten?
Das bedeutet konkret: MVP vor Perfektion. Beim Fan-Club-Launch in Deutschland hatte das Team zunächst kein eigenes Windrad. Statt das Projekt zu stoppen, wurde ein Stromliefervertrag (PPA) mit einem bestehenden Windpark abgeschlossen und der Launch fand statt. Wer wartet, bis alle Bedingungen ideal sind, startet nie.
Gierull beschreibt zwei Gruppen: Die einen analysieren drei Monate, starten dann confident und müssen danach trotzdem drei Monate lernen. Die anderen starten sofort, scheitern früh, lernen schnell – und sind sechs Monate voraus.
Was Octopus dabei bewusst vermeidet: überbordende Prozesse. Gierull beschreibt einen Großteil seiner Aufgabe als CEO damit, Prozesse wieder abzubauen, die sich eingeschlichen haben.
Die Energiewende ist ein iPhone-Moment
Gierulls Schlussbild ist stark: Die Energiewende befindet sich gerade in ihrem iPhone-Moment. Noch vor wenigen Jahren waren Solaranlagen, Batteriespeicher und Wärmepumpen teuer und kompliziert – wie frühe Smartphones. Heute fallen die Preise monatlich. Die Kosten für Batteriespeicher sind in 15 Jahren um über 90 Prozent gesunken, und der Trend setzt sich fort.
Das führt zu einer Entwicklung, die sich keine Regierung ausgedacht hat und die keine Regulatorik aufhalten wird: Verbraucher*innen investieren. 2024 flossen weltweit 800 Milliarden US-Dollar privates Kapital in sogenannte Low-Carbon-Technologien – PV-Anlagen, Wärmepumpen, Elektroautos, Heimspeicher. Das sind die echten Treiber der Energiewende.
Gierull ist deshalb optimistisch – trotz stockendem Netzausbau, trotz Regulatorik-Dschungel. Weil die dezentrale Energieversorgung nicht auf Erlaubnis wartet.
Fazit
Dezentrale Energieversorgung ist keine Frage des Ob, sondern des Wie schnell. Bastian Gierull und Octopus Energy zeigen, dass man auch in einem trägen Markt vorankommen kann – wenn man bereit ist, mit dem anzufangen, was heute möglich ist, schnell zu scheitern und konsequent aus Fehlern zu lernen. Die Technologie ist da. Die Nachfrage ist da. Was fehlt, sind Smart Meter, mutige Produkte und Unternehmen, die den Verbraucher*innen zutrauen, aktiver Teil der Energiewende zu sein. Hör rein – und lass dich von Bastians Optimismus anstecken.
🎧 Energiezukunft = Gesellschaft + Erneuerbare + Dezentralisierung | Bastian Gierull, CEO Germany von Octopus Energy – jetzt reinhören
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Mit: Bastian Gierull, CEO Germany, Octopus Energy
Hosts: Karin Kretzer & Timo Ziegler, BRICKMAKERS
Mehr zu Bastian Gierull: https://www.linkedin.com/in/bgierull/
Mehr zu Octopus Energy: https://octopusenergy.de/
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