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Energiewirtschaft im Wandel: Wie Digitalisierung die Energiewende bezahlbar macht

Verena Kohfeld
Lesezeit Icon 5 Min. Lesezeit
Datum Icon 28. Juli 2026

Der Investitionsbedarf im deutschen Stromnetz bis 2030 ist enorm und das Geld kommt nicht vom Staat, sondern landet über Netzentgelte bei Bürger*innen und Industrie. Wer die Energiewende will, muss also auch ihre Kosten ernst nehmen. Dr. Rainer Pflaum, ehem. CFO und Innovationsverantwortlicher bei TransnetBW, macht genau das und erklärt im IMPACT ENERGY loading... Podcast, warum Digitalisierung in der Energiewirtschaft entscheidet: über Tempo, Kosten und die Akzeptanz in der Gesellschaft.

Warum Bezahlbarkeit der unterschätzte Erfolgsfaktor der Energiewende ist

Je länger ein Projekt dauert, desto teurer wird es

Flexibilisierung ja – aber richtig orchestriert

Digitalisierung in der Energiewirtschaft: kein Selbstzweck

End-to-End oder gar nicht

Fazit

 

Warum Bezahlbarkeit der unterschätzte Erfolgsfaktor ist

Die Energiewende hat ein Akzeptanzproblem – und das hat viel mit Kosten zu tun. Pflaum bringt es direkt auf den Punkt: Wenn die Energiewende an der Bezahlbarkeit scheitert, wird sie nicht gelingen. Nicht weil die Technik fehlt, nicht weil der Wille fehlt, sondern weil Menschen und Industrie irgendwann nicht mehr mitmachen.

TransnetBW wird bis 2030 rund 14 Milliarden Euro investieren. Das klingt nach viel – ist aber nur ein kleiner Teil des gesamten Investitionsbedarfs aller vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Jeder Euro davon muss sich rechnen, weil er letztlich über Netzentgelte refinanziert wird. Pflaum beschreibt das nicht als Kostenproblem, sondern als Gestaltungsaufgabe: Wie bauen wir die Energiewende so, dass sie für alle tragbar bleibt?

Das ist auch der Grund, warum er Finance und Innovation nicht als Widerspruch sieht, sondern als zwei Seiten derselben Medaille. Wer über Milliardeninvestitionen entscheidet, muss verstehen, was sie bewirken – und wer Innovation verantwortet, muss wissen, was sie kostet.

 

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Je länger ein Projekt dauert, desto teurer wird es

Südlink ist das Flaggschiff-Projekt von TransnetBW: eine Gleichstromleitung über mehr als 700 Kilometer, die Windenergie aus dem Norden in den Süden transportiert. Erstmals im Netzentwicklungsplan 2012 aufgetaucht, soll sie 2028 fertiggestellt werden. 16 Jahre von der Planung bis zur Realisierung.

Pflaum nennt das keine Ausnahme, sondern die Regel. Genehmigungsverfahren, Interessengruppen, Materialknappheit, Fachkräftemangel, Preissteigerungen durch Lieferkettenprobleme – all das summiert sich. Und: Vier Übertragungsnetzbetreiber bauen gleichzeitig, konkurrieren um dieselben Lieferanten, treiben gegenseitig die Preise.

Was helfen würde? Schnelligkeit. Nicht als Selbstzweck, sondern weil jedes Jahr Verzögerung Redispatch-Kosten verursacht – also die teuren Umwege, die das Netz nehmen muss, weil die direkten Leitungen fehlen. Zwischen zwei und viereinhalb Milliarden Euro hat das in den vergangenen Jahren jährlich gekostet. Netzausbau ist damit keine Ausgabe, sondern eine Investition, die sich rechnet.

Flexibilisierung ja – aber richtig orchestriert

Flexibilisierung ist das Zauberwort der Energiewende. Verbraucher*innen verschieben ihren Stromverbrauch in Zeiten, wo viel erneuerbarer Strom im Netz ist – Waschmaschine, Wärmepumpe, Elektroauto. Das entlastet das Netz und spart Kosten.

TransnetBW hat dafür die Stromgedacht-App entwickelt – gemeinsam mit BRICKMAKERS. Per Push-Nachricht erhalten Nutzer*innen Empfehlungen, wann sie Verbrauch verschieben oder reduzieren sollten. 

Pflaum ist überzeugt, dass Smart Meter diesen Ansatz auf ein neues Level heben. Wer seinen Verbrauch in Echtzeit sehen und steuern kann, hat nicht nur mehr Kontrolle – er kann auch finanziell profitieren. Erste dynamische Tarife sind bereits am Markt. 

Aber Pflaum warnt auch: Flexibilisierung kann Fehlanreize erzeugen. Großbatteriespeicher boomen – 160 GW sind angemeldet, der Netzentwicklungsplan geht von 40 GW aus. Wer Batterien falsch platziert oder falsch anreizt, treibt Kosten statt sie zu senken. Dezentralität braucht Koordination, kein Wildwuchs.

Digitalisierung in der Energiewirtschaft: kein Selbstzweck

„Digitalisierung sehen wir nicht als Selbstzweck, sondern sie muss einen Nutzen bieten. Das ist uns das Maß der Dinge.“ – Dr. Rainer Pflaum

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Digitalisierungsprojekte entstehen aus dem Reflex, etwas zu tun – nicht aus der Frage, was ein konkretes Problem löst. Bei TransnetBW wird jedes Vorhaben am Nutzen gemessen: Was bringt es? Was kostet es? Was verändert sich dadurch im Prozess?

Konkret eingesetzt wird Digitalisierung in der Energiewirtschaft bei TransnetBW an mehreren Fronten: Sensorik in Leitungen und Umspannwerken liefert Echtzeitdaten zur Auslastung. KI überwacht das Netz. Augmented Reality unterstützt Monteure bei der Wartung. Alle Umspannwerke werden über Glasfaser angebunden.

Beim Südlink-Bau wurden Geosysteme eingesetzt, über die Anwohner*innen ihr eigenes Flurstück einsehen und Eingaben machen konnten. Tausende Rückmeldungen, viele davon eingearbeitet. Das ist KRITIS-Software, die nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Anforderungen erfüllt.

End-to-End oder gar nicht

Pflaums Empfehlung an andere Entscheider*innen in der Energiebranche ist eindeutig: Wer digitalisiert, muss den gesamten Prozess digitalisieren, nicht nur einzelne Schritte. Wer vorne ein digitales Frontend baut und hinten noch ausdruckt und ins SAP eintippt, hat nichts gewonnen außer einer neuen Oberfläche.

Timo fasst es im Gespräch treffend zusammen: mehr Brücken, weniger Inseln. Vorhandene Systeme besser vernetzen statt zehn neue schaffen, die nicht miteinander sprechen. Wer verstehen will, wie das strukturiert angegangen wird, findet im Process Lab einen konkreten Einstieg – Prozesse visualisieren, Brüche identifizieren, Digitalisierung dort ansetzen, wo sie wirklich wirkt.

TransnetBW investiert deshalb massiv in ein neues, modulares Netzleitsystem – eine Plattform, auf der Anwendungsfälle flexibel gesteckt werden können. Cloud-basiertes Computing, vollständig digitalisierte Netzführung, Cybersicherheit als integrierter Bestandteil. 

Fazit

Rainer Pflaum zeigt, dass Digitalisierung in der Energiewirtschaft dann am wirksamsten ist, wenn sie konsequent am Nutzen ausgerichtet wird. Nicht als Trend, nicht als Pflichtübung, sondern als Werkzeug, das konkrete Probleme löst: zu hohe Redispatch-Kosten, zu lange Genehmigungszeiten, zu wenig Transparenz für Bürger*innen, zu wenig Flexibilität im Netz. Die Energiewende ist eine Herkules-Aufgabe. Aber sie ist machbar – wenn Finanzierbarkeit, Akzeptanz und Digitalisierung zusammengedacht werden. 

🎧 Energiewende bezahlbar machen: Digitalisierung, Netzentgelte & Akzeptanz | Dr. Rainer Pflaum, CFO von TransnetBW – jetzt reinhören

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Mit: Dr. Rainer Pflaum, ehem. CFO & Innovationsverantwortlicher, TransnetBW

Hosts: Karin Kretzer & Timo Ziegler, BRICKMAKERS

 

Mehr zu Dr. Rainer Pflaum: https://www.linkedin.com/in/dr-rainer-pflaum 

Mehr zu TransnetBW: https://www.transnetbw.de/ 

Alle Podcast-Episoden: https://www.brickmakers.de/podcast